Wenn man Wiebke Küpper fragt, was sie an ihrem Job im Bundesbau Baden-Württemberg besonders spannend findet, fackelt die Architektin nicht lange: „Ganz ehrlich? Alles!“ Und nach zwei Millisekunden fügt sie hinzu: „Wir können hier sehr viel gestalten, das ist einfach toll.“
Nachhaltigkeit erobert die Baubranche
Diese Begeisterung mag auch an ihrem Schwerpunkt liegen, der in den vergangenen Jahren enorm an Bedeutung gewonnen hat: nachhaltiges Bauen. Als die heutige Baudirektorin für Zuwendungsbau, Städtebau und nachhaltiges Bauen einst ihre Karriere startete, war das völlig anders: „Die Baubranche ist generell eher konservativ. Mittlerweile ist die Nachhaltigkeit aber ganz gut verankert“, sagt Küpper.
Diese Verankerung lockert sich allerdings oftmals im Zuge aktueller Debatten: Es muss schnell Wohnraum geschaffen werden, um dem Mangel an günstigen Wohnungen zu begegnen? Die militärische Infrastruktur gerät angesichts geopolitischer Konflikte in den Fokus? Dann rückt die Nachhaltigkeit plötzlich wieder in den Hintergrund – ein Fehler, findet Küpper: „Nachhaltigkeit verteuert nichts.“
Fachaufsicht begleitet Projekte
Manches Mal haben auch die Projekte selbst politische Brisanz, so wie das in Heidelberg geplante Dokumentations- und Kulturzentrum für Deutsche Sinti und Roma, bei dem viele Anspruchsgruppen mitreden möchten. In anderen Projekten, etwa für medizinische Zwecke, spielt die Funktionalität des Baus eine besondere Rolle und, mit Blick auf die Vulnerabilität der Menschen vor Ort, der Bauprozess. In diesen Fällen ist die Baudirektorin eng in die Sacharbeit eingebunden, auch wenn sie ansonsten als Fachaufsicht keine Projekte umsetzt, sondern dies nur begleitet.
Dass der Bund beim nachhaltigen Bauen vorangehen muss, steht für die Freiburgerin außer Frage: „Wenn nicht wir, wer dann? Kommunen können nur in Einzelentscheidungen wirken, aber dem Bund gehören unheimlich viele Gebäude. Wir setzen mit dem öffentlichen Hochbau die Eckdaten und müssen zeigen, wie es geht.“
„Der Bund muss beim nachhaltigen Bauen vorangehen. Wir setzen mit dem öffentlichen Hochbau die Eckdaten und müssen zeigen, wie es geht.“
Hochbau muss CO2-neutral werden
Am nachhaltigen Bauen führt ohnehin kein Weg vorbei, denn der Bund muss die EU-Gebäuderichtlinie umsetzen. Deren Ziel ist die Reduzierung des Energieverbrauchs und der Treibhausgasemissionen im Gebäudesektor. Für den öffentlichen Hochbau heißt das: Er muss bis 2030 CO2-neutral sein. Dieses Ziel zu erreichen wird schwierig: „Dafür müssen vor allem die Vergaberichtlinien geändert werden, wir müssen einfach sehr viel schneller werden.“
Beim Begriff „nachhaltig“ denken viele nur an ökologische Aspekte, es zählen jedoch viele weitere dazu: „Die Nachhaltigkeit im Bausektor beruht auf drei Säulen: einer ökologischen, einer ökonomischen und einer soziokulturellen Säule“, erklärt Küpper. Wichtig sind also auch Aspekte wie Barrierefreiheit, Inklusion und nicht zuletzt die Wirtschaftlichkeit.
Zukunftsthema: zirkuläres Bauen
Was als nachhaltig gilt, unterliegt durchaus Trends. „Vor Kurzem hielt man Holzbau und serielles Bauen für die alleinigen Heilsbringer“, sagt Küpper. „Das ist aber Quatsch. Letztlich zahlen bei jedem Projekt etliche Aspekte auf die Nachhaltigkeit ein.“ Besonders interessant findet sie das Konzept des zirkulären Bauens. Mit Recyclingstoffen zu bauen, ist nicht neu. Das zirkuläre Bauen allerdings ist ein umfassender Ansatz, der die gesamte Lebensdauer eines Gebäudes von der Planung bis zum Rückbau betrachtet und darauf abzielt, Materialien und Produkte im Kreislauf zu führen, um Abfall zu vermeiden und Ressourcen zu schonen.
„In Baden-Württemberg sind die Vorgaben für zirkuläres Bauen sehr streng. Die rechtliche Situation ist in vielen Punkten noch unklar: Wenn ich etwa komplette Fenster oder Geländer wiederverwende – was ist dann mit der Gewährleistung? Der Reuse-Ansatz erfordert ein komplettes Umdenken bei Architektinnen und Architekten“, berichtet Küpper. Entwürfe entstehen nicht mehr völlig frei, sondern auf Basis des bereits vorhandenen Materials. „Die Schweiz und die Niederlande sind deutlich weiter als wir, von denen können wir viel lernen.
KI-Anwendungen im Bausektor
Die Baudirektorin verspricht sich zudem viel von der Digitalisierung und künstlicher Intelligenz (KI). „Wenn wir eine KI-Anwendung hätten, der wir etwa den Ist-Bestand eines sanierungsbedürftigen Gebäudes beschreiben könnten, plus bestimmte Parameter zu Energie- oder CO2-Verbrauch und dann bekämen wir konkrete Vorschläge – das wäre ein Traum“, so Küpper. Auch wenn solche Ergebnisse natürlich von erfahrenen Fachleuten geprüft werden müssten, würde das ihrer Ansicht nach viel Komplexität aus dem Thema nehmen und die Effizienz sehr steigern. Erste Ansätze gibt es bereits.
Was auch immer die Zukunft bringt, die Bedeutung des nachhaltigen Bauens kann man nicht hoch genug einschätzen: „Das Thema ist alternativlos!“, sagt Küpper und setzt darauf, dass ihre Sondererlasse irgendwann in die Richtlinien für die Durchführung von Bauaufgaben des Bundes (RBBau) eingehen. Dann nämlich wird aus der noch etwas wackeligen Verankerung eine stabile und „das Thema Nachhaltigkeit beim Bauen so selbstverständlich wie Statik oder Bauphysik“.
Wenn – Dann : 3 schnelle Fragen an Wiebke Küpper
Wenn Sie in puncto nachhaltiges Bauen einen Wunsch frei hätten, …
… dann wünsche ich mir, dass die Zementindustrie CO2-neutralen Zement erfindet. Daran wird geforscht und das wäre ein großer Hebel!
Wenn Sie das Projekt ihrer Träume umsetzen dürften, …
… dann eines, das ich nach dem Konzept des zirkulären Bauens realisieren würde. Man arbeitet nicht nach einem vorher festgelegten Konzept, sondern mit dem, was vorhanden ist. Total spannend!
Wenn Sie jungen Leuten, die sich für den Bereich nachhaltiges Bauen im Bundesbau interessieren, einen Tipp geben dürften, …
… dann diesen: Traut euch! Man braucht Willen, Überzeugungskraft, die Bereitschaft zum Querdenken und einen gewissen positiven Biss. Aber wenn man das hat, dann kann man viel Sinnvolles bewirken.
